Archiv für Februar 2012

Offener Brief von Fangemeinschaft Dynamo und Ultras Dynamo an den Präsidenten der SG Dynamo Dresden und Vermarkter „Sportfive“

Sehr geehrter Herr Präsident Ritter,
sehr geehrter Herr Müßig,

die Fans der SG Dynamo Dresden sind – vor allem in ihrer Masse – das höchste Gut des Vereins. Sie sind – in dieser Saison voraussichtlich mit mehr als 8,0 Millionen Euro – der größte und treueste Sponsor überhaupt. Sie sind diejenigen, die den Verein am Leben gehalten haben, als es ihm dreckig ging. Es sind diejenigen, die in der aktuellen, finanziell deutlich entspannten Situation lautstark hinter ihrem Verein stehen und mit ihren Stimmen einen Teil dazu beitragen, dass der Verein nicht in die Drittklassigkeit und damit verbundenes finanzielles Chaos zurückfällt. Umso unverständlicher ist der Umgang mit diesem höchsten Gut!

Die dynamische Zaunfahnenkultur ist eine besondere! Sie ist ein wesentlicher Bestandteil der immer noch vorhandenen Einzigartigkeit unseres Vereins und auch bei Auswärtsspielen Identifikationsmerkmal, das uns deutschlandweit Respekt und Anerkennung einbringt. Die Zaunfahne ist das wichtigste Symbol und der höchste zu schützende Wert einer jeden Fangruppe und sorgt in der Masse für das charakteristische Bild der eigenen Kurve – ganz besonders ausgeprägt bei Dynamo Dresden, einem Verein, der von der Identifikation seiner Fans lebt. Bereits Anfang des Jahres 2008 wurde der Bestand der Zaunfahnen als bedeutender Teil eines Fußballspiels in Dresden anerkannt und in der Fancharta festgeschrieben. Seitens des Vereins scheint ein großes Verständnis für die Problematik Zaunfahnen vorhanden zu sein. Der Aufwand, der betrieben wird, um Geschäftspartner für diese Dresdner Befindlichkeit zu sensibilisieren ist allerdings in seiner Wirkung zu gering. Bereits in der Saison 2009/2010 wurde mit dem Aufstellen eines roten Sofas einer Dynamo nicht gerade wohlgesonnenen Tageszeitung für einen Mangel an ausreichendem Platz für Zaunfahnen gesorgt. Auch wenn der damals verloren gegangene Platz deutlich geringer war, als im aktuellen Beispiel, hat die Fangemeinschaft Dynamo bereits damals deutlich ihren Unmut artikuliert. Dennoch hat die Fanvertretung im Bewusstsein einer notwendigen Vermarktung des Stadions selbst nach Alternativen gesucht. Gefunden wurde eine nach der Frauen-WM im letzten Jahr über der ehemaligen Hornbachtribüne. Die von der FIFA geforderten Gestelle unter dem Stadiondach sollten uns zur Nutzung dauerhaft überlassen werden. Nach mehreren Gesprächen hatten wir die Zusagen aller Beteiligten, ganz ausdrücklich auch die von „Sportfive“. Ganze zwei Spiele später konnte sich da aber niemand mehr an diese Zusage erinnern und die vorhandenen Flächen wurden an die SZ und die Morgenpost verkauft. Wieder gab es Protest seitens der Fangemeinschaft Dynamo. In einer eilig einberufenen Krisensitzung wurde der Fangemeinschaft Dynamo angeboten, ein ähnliches Gestell über der Südtribüne zu installieren und tatsächlich dauerhaft zur Verfügung zu stellen. Bis zum heutigen Tag gibt es ein derartiges Gestell nicht. Die alternative, provisorische Befestigung unterm Stadiondach wurde durch Industriekletterer durchgeführt. Die Kosten dafür dürften inzwischen die zur Anbringung eines Gestells deutlich überschritten haben. Eine Lösung ist nach wie vor nicht in Sicht. Um die Problematik gekümmert hat sich in den letzten Spielen ausschließlich die Projektgesellschaft, von „Sportfive“ als Auslöser des Problems war nichts mehr zu hören. Zum Punktspielauftakt im Jahr 2012 war nun erstmals die Fangemeinschaftsfahne gar nicht mehr zu sehen.

Stattdessen durften die Dynamofans den nächsten Tiefschlag hinnehmen. Mit großem Entsetzen haben die Fans der SG Dynamo Dresden beim Spiel gegen Greuther Fürth feststellen müssen, dass die Ersatzbänke aufgrund des Verkaufes von Werbeflächen nunmehr unterhalb der Westtribüne stehen und dadurch etwa 35 Meter ehemalige Zaunfahnenplätze für die Anhänger unseres Vereins verloren gegangen sind. Bereits am Spieltag gab es massive Beschwerden von Fans über diesen Vorgang, zahlreiche Mails mit teilweise sehr aufgebrachtem Ton gehen täglich bei den Fanvertretern ein. Auch bei dem am vergangenen Sonnabend abgehaltenen Offenen Stammtisch der Fangemeinschaft Dynamo sorgte das Thema für hitzige und sehr emotionale Diskussionen. Die Fangemeinschaft Dynamo, die Ultras Dynamo und unzählige Fans empfinden das Vorgehen als bewusste Provokation. Wir sind nicht bereit, einen solchen Umgang mit uns und unseren Interessen weiterhin widerspruchslos hinzunehmen.

Nicht nur den Unterzeichnern, sondern allen Dynamofans ist absolut bewusst, dass für erfolgreichen Profifußball Geld notwendig ist und dafür Sponsoren, welche selbstverständlich einen Anspruch auf entsprechende Gegenleistungen haben. Ebenso ist uns bewusst, dass es die Aufgabe eines Vermarkters ist, entsprechende Geldgeber für unseren Verein zu akquirieren. Nichtsdestotrotz gilt es auch für den Sportvermarkter “Sportfive”, bei seiner Arbeit Fanrechte im Allgemeinen und ganz besondere Befindlichkeiten der Dresdner Fanszene im Speziellen zu beachten. Der jetzt vollzogene, rücksichtslose Verkauf eines großen Teils unserer Zaunfahnenplätze macht umso mehr wütend, weil bei dem Gespräch im August vergangenen Jahres zwischen“ Sportfive“ und Vertretern der Fangemeinschaft Dynamo das Thema “Zaunfahnen” ein ganz zentrales war. Mehrfach wurde von den Fanvertretern darauf hingewiesen, dass ein weiterer Verkauf von aktuellen Zaunfahnenplätzen für sehr viel unnötigen Ärger unter den Fans sorgen würde, unter anderem auch vor dem Hintergrund, dass in die in Eigeninitiative angebrachten Befestigungshaken im Stadion viel Energie, Zeit und Geld investiert wurde. Die Vertreter der Fangemeinschaft Dynamo nahmen die Zusicherung zur Kenntnis, dass an den Zaunfahnenplätzen an der Westtribüne nicht gerüttelt werden würde. Erneut müssen wir nun erfahren, dass das Wort des Sportvermarkters „Sportfive“ und die getroffenen Vereinbarungen nichts wert sind, dass auf Fankultur, Fanrechte, auf die zwischen Fans und Verein gemeinsam getragene FANCHARTA keinerlei Rücksicht genommen wird. Diesen wiederholten Vertrauensbruch und das nun endgültig und offen demonstrierte Desinteresse an einer konstruktiven Zusammenarbeit mit den Fans des von „Sportfive“ betreuten Vereins werden wir nicht akzeptieren und diese Tatsachen in unserem künftigen Agieren gegenüber „Sportfive“ einfließen lassen. Aus Sicht der Fangemeinschaft Dynamo und der Ultras Dynamo gibt es keine auf Vertrauen gestützte Basis mehr.

Gleichwohl bleibt auch eine große Enttäuschung, die das Engagement des Vereins für seine Fans betrifft. Der Verein als Unterzeichner der Fancharta zeigt nicht die Umtriebigkeit beim Durchsetzen der Fancharta, wie er sie andererseits von den Fans erwartet. Die Fanvertreter sind es leid, immer wieder mit dem Totschlagargument konfrontiert zu werden, dass der Verein bei bestimmten Themen keinen Einfluss habe. Fangemeinschaft Dynamo und Ultras Dynamo erwarten von ihrem Verein, dass er die Interessen seiner Fans ernst nimmt und gegenüber Dritten engagiert vertritt. Ebenso wird erwartet, dass man den Fans für ihr Engagement den entsprechenden Stellenwert zugesteht. Zaunfahnenplätze sind die Werbebanden des größten Sponsors, der in den Verein jährlich einen höheren Millionenbetrag einfließen lässt. Diese Werbefläche tauscht kein anständiger Verein und kein seriöser Vermarkter für ein paar tausend Euro aus!

Fangemeinschaft Dynamo und Ultras Dynamo fordern das Präsidium des Vereins und den Sportvermarkter „Sportfive“ dazu auf, unverzüglich – also bis zum nächsten Heimspiel gegen den MSV Duisburg am 24. Februar 2012 – adäquaten Ersatz für die durch die Versetzung der Ersatzbänke verloren gegangenen Zaunfahnenplätze zu schaffen! Dies ist aus unserer Sicht für einen Fortbestand des konstruktiven Dialogs Bedingung und alternativlos!

Fangemeinschaft Dynamo/Vorstand
Ultras Dynamo

Gedanken zum Rücktritt von Volker Oppitz

Zuerst: es gibt wohl kaum einen aktiven Dynamofan, der Volker Oppitz für seinen eingeschlagenen Weg nicht dankbar wäre. Als ehemaliger Geschäftsführer unserer SGD steht er vor allem für bodenständige, transparente Arbeit, die im starken Kontrast zu einigen seiner Vorgänger steht. Seine Nachfolger wiederum, werden es schwer haben, sich solch breite Akzeptanz und großen Respekt zu erarbeiten. Denn Volker Oppitz verkörpert vor allem Vereinsidentifikation. Ihm liegt unsere SGD am Herzen, weshalb er nicht darauf aus war, sich mittels des Vereins selbst emporzuheben, wie es einst Maas, Schäfer, Hendel und Co. getan haben. Aus diesem Grunde gebührt ihm großer Respekt.

Die Frage, weshalb es zu diesem Schritt von Volker Oppitz gekommen ist, wird von Vereins- und Medienseite mit der Arbeitsbelastung, Familie und Gesundheit begründet. Ohne dies in irgendeiner Weise beurteilen zu wollen, stellt sich natürlich die Frage, wie es soweit kommen kann, dass Oppitz für sich so eine Entscheidung treffen muss. Auch wenn die Gründe vielfältig sein mögen, so hat vermutlich auch der interne Widerstand eine nicht unerhebliche Aktie daran. So „überraschend“, wie nun in der Öffentlichkeit kolportiert wird, ist diese Entwicklung allerdings keineswegs gekommen, schon vor Wochen brodelte die Gerüchteküche diesbezüglich.

Oppitz hat sich eingesetzt für Vereinsinteressen, die von einer Mehrheit der Mitglieder mitgetragen wurden, wie die Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr deutlich machte. Er ließ sich nicht vom illusorischen „schnellen“ Erfolg locken, den ein sogenannter „Sponsorenpool“ versprach, nahm Belange von Fangruppen und -initiativen ernst, überraschte die Öffentlichkeit mit einem ausgegorenen Entschuldungskonzept und schrieb erstmalig seit gefühlten Jahrzehnten (glaubhafte!) schwarze Zahlen auf einer Mitgliederversammlung.

Diese Leidenschaft und Authentizität wird in unserem Verein zwar gern auch von anderen Parteien vorgespielt, die Interessenlagen sind dabei aber offensichtlich keineswegs selbstlos. Denn bei Betrachtung der Faktenlage wird eines deutlich: der von Oppitz eingeschlagene Weg ist keine verbindliche Angelegenheit. Die Einstellung eines neuen Geschäftsführers muss erst durch den Aufsichtsrat legimitiert sein – was vereinspolitisch absolut sinnvoll ist, bekommt bei der Besetzung des Aufsichtsratsvorsitzes durch Thomas Bohn einen bitteren Beigeschmack. Bohn schielte, so rumorte es sogar in der Geschäftsstelle, schon länger auf den Posten des Hauptgeschäftsführers. Bereits seit Monaten ist es auf der Enderstraße ein offenes Geheimnis gewesen, dass der Geschäftsführer einer Dresdner Druckerei gewillt ist, mehr Einfluss auf Vereinsbelange zu nehmen – auf Kosten von Oppitz. Diese Versuche scheiterten bislang jedenfalls teilweise. Dass Bohn aber dafür steht, kurzfristig Geld auf Pump in den Verein zu blasen, um damit großartige sportliche Erfolge regelrecht zu garantieren, sieht jeder mit schwarz-gelbem Herz. Die Frage ist, inwiefern man diesen Phantasien glauben schenkt. Ein nicht unerhebliches Maß an Fans, sofern man die Diskussionen im Internet verfolgt, hofft auf diese Erfolge – dies ist nur all zu verständlich, denn kein Fan, egal welchen Alters, sieht die traditionsreiche SGD gern jahrelang gegen Ahlen oder Aalen spielen. Doch gerade als Dynamofans sollten wir die Ohren spitzen, wenn finanzstarke Geschäftsleute mit großen Erfolgsversprechen die öffentliche Gunst für sich gewinnen wollen. Die Interessen eines Vereins werden so schnell zu den Interessen von Einzelakteuren und Sponsoren, die ihre Unternehmen oder sich selbst „mit Hilfe der Marke Dynamo Dresden“ in den Mittelpunkt rücken wollen. Die SGD wird somit zum Instrument für die Geschäftsinteressen anderer und das finanzielle, sportliche und ideelle Überleben des Vereins wird gefährdet.

Der Aufsichtsrat hat es nun in der Hand, einen geeigneten Nachfolger für Volker Oppitz zu finden. Einen Nachfolger, der schwarze Zahlen schreiben kann, der mediale Ausbrüche adipöser Rheinländer mit Kompetenz beantwortet, der Mut zu unkonventionellen (und erfolgreichen!) sportlichen Entscheidungen aufbringt. Dabei sollte allerdings nicht unterschätzt werden, in welche Richtung sich unser Verein bewegt, wenn der neue Geschäftsführer eine ähnliche Erfolgsideologie verfolgt wie der Aufsichtsratsvorsitzende Bohn. Ein Sponsor, der den Vorsitz des Aufsichtsrates inne hat, ist bereits eine harte Bewährungsprobe für das Dynamo-Gemüt…

Vermutlich über den Rand der aktiven Fanszene hinaus existiert der Wunsch, den Posten mit einer Person zu besetzen, die Identifikation und Leidenschaft für die SG Dynamo aufbringen kann. Die Interessen unseres Vereins stehen an oberster Stelle. Aufgabe von uns Fans ist es, die kommenden Wochen kritisch und aufmerksam zu begleiten – und das werden wir tun.

UD

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1860 München
RHS
23.03.2012, 18:00 Uhr
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