Nürnberg, Köln, Berlin, Dresden … Endstation Sackgasse

Wir sind keine Freunde von Repressalien, kommentierte DFL-Chef Hieronymus, um hinzuzufügen, dass man nun beginnen müsse, die Fans statt der Vereine zu bestrafen. Und Hans E. Lorenz, Vorsitzender des DFB-Sportgerichts, fasste die neue Strategie kurz und knapp so zusammen: Wir können auch härter.

Den Statements dieser beiden Herren vorausgegangen waren erst kürzlich wieder einmal Urteile des DFB-Sportgerichts in Frankfurt am Main:
- Clubfans aus Nürnberg erhalten wegen des Abbrennens von Pyrotechnik bei zwei Auswärtsspielen keine Stehplatzkarten
- Anhänger des 1.FC Köln werden nach Verstößen gegen das Verbot von Pyrotechnik für ein Auswärtsspiel komplett ausgeschlossen
- hinzu kommen jeweils Geldstrafen und Schadenersatz für die Einnahmeausfälle der Heimvereine in beträchtlicher Höhe
- Hertha BSC wurde nach dem Platzsturm frustrierter Fans zu einem halben Geisterspiel und zur kompletten Schließung der Berliner Fankurve verurteilt

Gestern nun hat die neue Linie des DFB also auch uns erreicht. Wir Dynamofans werden nach Konflikten mit Sicherheitskräften in Osnabrück und dem Einsatz von Pyro gemeinschaftlich vom Auswärtsspiel in Unterhaching ausgeschlossen, der Verein muss 3.000€ Strafe und 6.000€ Schadenersatz an Unterhaching zahlen.

Die Fangemeinschaft Dynamo hält es an dieser Stelle für müßig, die jetzt bestraften Vorfälle im Einzelnen detailliert zu bewerten, hat sie sich in der Vergangenheit doch bereits mehrfach und klar zum Thema „Regelverstöße von Fans“ positioniert. Ebenso klar haben wir unsere Auffassung darüber zum Ausdruck gebracht, welche Wege wir, sowohl im Umgang mit unsinnigen Regeln als auch beim Ahnden des Fehlverhaltens Einzelner für einzig richtig, weil einzig erfolgversprechend, halten. Diese Wege werden wir auch in Zukunft konsequent und unbeirrt weiter gehen.

Die aktuellen DFB-Urteile sind Bestrafungen, die sowohl in ihrer Härte als auch in ihrer Intention eine neue Qualität haben. Denn neben Rekordstrafhöhen ist an den aktuellen Erziehungsmaßnahmen des DFB besonders innovativ, dass nach eigener Aussage nun nicht mehr allgemein ein Verein, sondern der Fan selbst bestraft wird. Und hat die Praxis, Fußballfans pauschal als gewalttätige Asoziale darzustellen, vor denen die friedliebende Allgemeinheit präventiv per Sippenhaft geschützt werden muss, durchaus schon eine perverse Tradition, darf auch die nun ganz offene Stigmatisierung speziell von Stehplatzfans durchaus als neu bezeichnet werden.

Da offenbar gemeinschaftliches Aussperren durch den Verband nach Meinung der Vereine der Gefährlichkeit ihrer Fans nicht ansatzweise gerecht wird, satteln diese noch in zunehmendem Maße oben drauf oder geißeln sich in inakzeptabler Weise vorauseilend selbst um eventuelle Verbandsstrafen abzumildern:

- Nürnberger Ultras ist es ab sofort verboten, Fanmagazine zu verkaufen, Spenden zu sammeln, Flyer zu verteilen und das Stadion früher zu betreten, was Choreografien nahezu unmöglich werden lässt
- zunehmend werden Auswärtskarten nur noch in Verbindung mit der Zwangsregistrierung persönlicher Daten abgegeben
- verordnete Bannmeilen und Meldeauflagen für Inhaber von Stadionverboten werden zu gängiger Praxis
- für die Partie zwischen St. Pauli und Rostock setzte sich die Hamburger Polizei mit einem Verkaufsverbot von Stehplatzkarten an Rostocker Fans durch und auch für das Auswärtsspiel in Düsseldorf hat der Verein bereits akzeptiert, dass seine Fans weniger als das ihnen zustehende 10prozentige Kartenkontingent erhalten
- der SC Paderborn krönt das perfide Spiel mit nicht nur Verurteilungen sondern gar polizeilichen Ermittlungsverfahren vorgelagerten Stadionverboten mit dem Hinweis, die Betroffenen sollen bei den Untersuchungen zu den Vorfällen, für die sie das Stadionverbot erhalten hatten, a) ihre Unschuld beweisen und b) den Verein bei der Ermittlung der wahren Täter unterstützen

Was all diese Verbote, Schikanen und Repressionen mit dem Ahnden von Ordnungswidrigkeiten, mit echter Gewaltprävention und sozialer Verantwortung zu tun haben oder von Lebensgefahr in Stadien schwafelnde Demagogen wie der oberste Polizeigewerkschafter Wendt mit Dialogbereitschaft und Deeskalation?
Wir wissen es nicht, diese Frage können wohl nur jene Spezialisten beantworten. Was wir beinahe sicher kennen, ist die zu befürchtende Antwort der Fans auf Herrn Lorenz’ knackigen Spruch. Die wird nämlich vermutlich genauso knackig lauten: Wir auch.

Um dies zu verhindern, fordern wir ein Ende von Sippenhaft und Kollektivstrafen, sowie eine konsequente Anwendung von rechtsstaatlichen Prinzipien auch für Fans. Denn wir sind keine Bürger zweiter Klasse! Mit Repressionen wird es sich zu einfach gemacht: wirken sie nicht, wird einfach noch mehr davon gefordert und praktiziert, statt ihre Wirksamkeit infrage zu stellen. Statt mehr Dortmunder Modellen gibt es nun präventive Aussperrungen , anstelle von Unschuldsvermutung und Beweispflicht des Gegenteils treten die erläuterten Paderborner Verhältnisse, statt normenverletzendem Verhalten wird Gruppenzugehörigkeit bestraft. Das sind keine Lösungen oder adäquate Antworten sondern unzweckmäßig und hilflos verteilte Ohrfeigen an Fans im Allgemeinen aber vor allem auch an jene, die ernsthaft um Abhilfe bemüht sind! In einer von zunehmendem Unsicherheitsgefühl geprägten Gesellschaft scheint der Griff zu Maßnahmen des Zwangs und der Repression oft der naheliegendste und auch einfachste. Doch offenbart er sich bei näherer Betrachtung als Ausdruck von Ratlosigkeit und Unkenntnis, welcher eher problemverschärfend wirkt. Daher rufen wir die Verantwortlichen in den Verbänden und Vereinen, bei den Sicherheitsorganen und Medienschaffenden auf, sich vom zu kurz greifenden Law&Order Paradigma zu lösen! Ohne Maß und Vernunft, Vertrauen und Dialog sind jegliche Ansätze zum Scheitern verurteilt.

Fangemeinschaft

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